In unserem Pflichtenheft stehen die folgenden Vorgaben:


 Technische Daten:

Herzlichen Dank allen Beteiligten, die sich an diesem Monsterprojekt die Hände blutig gearbeitet haben und/oder die Köpfe rauchen liessen.

                                                                                                                                                                    Fred Bernhard

 


 

 

Die unglaublich faszinierende Geschichte von Race-Taxi.ch

Steht man vor dem vermeintlichen VW-Bus von Fred Bernhard, fragt man sich beim genaueren Hinschauen fast ungläubig, wie denn jemand überhaupt auf diese Idee kommen kann. Die Antwort auf meine erste Frage kommt prompt wie überzeugt: „Es war für mich eine berufliche Herausforderung. Damit wollte ich herausfinden, was im Bereich des Machbaren liegt, und gleichzeitig hatte ich klar das Ziel, mit diesem Projekt etwas Einmaliges zu schaffen. - Daraus ist das FB1-Race-Taxi entstanden.“

Den Anfang nimmt die Realisierung mit der Ausschreibung eines Schrotthändlers aus Chur (Graubünden/Schweiz), der einen verrosteten VW-Bus T1, Jahrgang 1962, verwerten will. Fred Bernhard setzt sich mit dem Inserenten in Verbindung und vereinbart unverzüglich die Abholung des Busses. Die Beschreibung am Telefon genügt ihm. Er macht sich mit einem Kollegen zusammen auf den Weg ins Bündnerland. Dort ist der Deal und somit der erste Schritt zum Race-Taxi schnell gemacht. Mit einem Schmunzeln erinnert sich Fred Bernhard an die spätere Frage eines Bauern beim Anblick des Schrottautos, ob er daraus einen Schafstall oder ein Bienenhaus zu bauen gedenke. Die Wahrheit würde wohl kein Laie wirklich verstehen, weshalb Fred diesem die Antwort lieber schuldig bleibt.

Zurück in seiner Garage nimmt er den Schrottbus, trennt die verwertbaren Teile von den übrigen. Bald einmal wird klar, dass sich einzig noch die Karosserie für das Projekt „Race-Taxi“ verwenden lässt. Gar mancher hätte seine Idee an dieser Stelle vermutlich begraben oder diesen Schritt zumindest in Betracht gezogen. Nicht so Fred Bernhard, der weiterhin an seine Idee glaubt. In der Betriebswagenflotte der Firma seines Bruders muss einige Zeit später ein VW-Bus T3, Jahrgang 1985, ausgemustert werden. Die Bodengruppe ist in guten Zustand und wird weiter verwendet. Da sich die Dimensionen der beiden VW-Bussen unterschieden, drängt sich eine kreative Lösung auf. Wer genaue Vorstellungen hat, lässt seinen Gedanken wohl einfach mehr Raum. Kurzerhand trennt Fred Bernhard zusammen mit einem Kollegen die Karosserie des T1 in vier Teile, um schlussendlich 21 cm in der Breite und 10 cm in der Länge zu gewinnen. Wenn ich vor dem Race-Taxi stehe, sehe ich in erster Linie einen VW-Bus. Seine veränderten Proportionen und das tiefer gelegte Fahrwerk wirken auf mich wie ein Sprinter in den Startpflöcken, kein Wunder mit den heute 408 PS. Die liebenswerte Fassade aus der Flowerpower-Zeit, als der VW-Bus ein blümchen- und vorhangverziertes 35-PS-Wohnmobil alternativer 68ern war, ist indessen geblieben. Nostalgie gepaart mit modernster Technologie – auch das umschreibt das Race-Taxi.

Eine andere Geschichte ist jene der Suche nach einem geeigneten Motor, dem eigentlichen Herz jeden Fahrzeugs. Von Anfang an war diesbezüglich für Fred klar: „Alles Porsche“ heisst seine Devise. Er erzählt mir von jenem Donnerstagabend, als er von der Arbeit nach Hause kommt und erst einmal die Zeitung liest. Das Inserat mit dem Text „Zu verkaufen Unfallwagen Porsche 993 Bi-Turbo“ lässt ihn rasch zum Telefonapparat greifen. Denn das ist die Chance. Er ruft unter der angegebenen Nummer an, informiert, er wäre spätestens in einer Stunde vor Ort am Neuenburgersee, besorgt sich CHF 3000.00, fährt los, sieht sich kurz vor 20 Uhr das Wrack an, checkt gleich selber den Motor, drückt dem verdutzten Garagier dann die Anzahlung in die Hand, fügt an, den Rest würde er morgen Vormittag vorbeibringen, wenn er den Porsche abhole, nimmt ein Blatt Papier, schreibt einen kurzen Kaufvertrag darauf und lässt diesen unterschreiben. Am nächsten Tag anlässlich der Übergabe meint der Garagier, er hätte den Unfallwagen fünfmal für mehr als den abgemachten Preis verkaufen können. Freds Vertrag hinderte ihn am lukrativeren Geschäftsabschluss.

Die nächste Etappe ist noch aufwändiger, irgendwie auch nervenaufreibender als jene zuvor. Der ebenfalls unversehrte Sicherungskasten kann vom Porsche übernommen werden. Der luftgekühlte Motor des Porsche 993 Bi-Turbo ist für eine Geschwindigkeit von mehr als 300 km/h ausgelegt. Er wird hinten auf die Bodengruppe des VW T3 montiert. Allmählich nimmt das Race-Taxi Formen an. Dennoch kommt es dann und wann zu Unterbrüchen, da zusätzliches Material eingekauft werden muss. Dies erweist sich im Zusammenhang mit der Lenkung als kleinere Odyssee. Freds erste Anfragen werden durchwegs negativ beantwortet. Schliesslich wird er dank eines beruflichen Kontakts bei einem Zürcher Zulieferer fündig. Dort stösst das Projekt „Race-Taxi“ gleich auf Begeisterung und die passende Porsche-Lenkung wird gerne geliefert. Armaturen, Pedale und Lenkung wiederum übernimmt Fred vom Unfallwagen. Hinsichtlich des aufgrund Auslegung und Aerodynamik angestrebten Tempos von 230 km/h montiert er Scheibenbremsen – ebenfalls von Porsche. In Technikfragen stehen Fred mit Andreas Weibel und Roland Zbinden (ein ausgewiesener Autorennmechaniker mit über zehnjähriger Porsche-Erfahrung) gleich zwei Fachpersonen unterstützend zur Seite.

In einem nächsten Schritt wird die Karosserie mit 42 Meter Rohr verstärkt resp. renntüchtig gemacht. Unter Insidern wird das Überrollsystem „Käfig“ genannt. Tatsächlich mutet es an, in einem Käfig zu sitzen, wenn man mit den 4-Punkt-Gurten in einem der drei Passagiersitzen (allesamt vom Motorsportspezialisten Recaro, mit ausgeformter Schulterunterstützung für einen optimalen Seitenhalt und aus flammhemmendem Material) festgezurrt sitzt. Die Sitze sind auf Porsche-Sitzart hinuntergesetzt, was für Rennbuslenker Bernhard aus lenkungstechnischen Gründen von Bedeutung ist. Damit wird aber gleichzeitig auch das Action-Feeling der (wagemutigen) Passagiere zusätzlich angekickt. Der enorme Lärmpegel und Temperaturen, die bisweilen auf 70° C ansteigen verstärken dieses noch.

Teil für Teil wie ein Puzzle wird das Fahrzeug zusammengesetzt. Alles solides wie präzises Handwerk. Technik auf die Bodengruppe, dann der Käfig, rundherum die Karosserie und zum Schluss das Dach. Dieses ist aus Karbon, was eine Gewichtsersparnis von 30 kg bedeutet, und beansprucht für die Herstellung alleine 70 Stunden zu zweit. Jeder Schritt der sechsjährigen Entstehungsgeschichte des Race-Taxis ist akribisch niedergeschrieben, illustriert mit Skizzen, Materialprospekten und Explosionszeichnungen. Nach rund 3000 Arbeitsstunden und Material-Investitionen von mehreren CHF10'000.- ist aus der Idee Realität geworden.

Ein Knackpunkt scheint unerwartet die Versicherungsfrage zu werden: Erst lässt sich überhaupt keine Gesellschaft finden. Dies, obwohl Fred sich auch diesbezüglich genaue Überlegungen gemacht hat. Um beispielsweise das Risiko eines Diebstahls zu minimalisieren, sind Steuerrad und Motorsteuergerät demontierbar. Ein auf Rennfahrzeuge spezialisierter Versicherer unterbreitet schliesslich ein Angebot und lässt durchblicken, es bestände zudem kein Risiko für Diebstahl, da das Fahrzeug für den Verkehr nicht zugelassen sei und das Versicherungsobjekt allenfalls aufgrund seiner Beschaffenheit rasch lokalisiert werden könne. Es kommt zum Abschluss.

Der grosse Moment steht endgültig bevor. Zwar ist das Race-Taxi fertig konstruiert, doch weiss Fred noch nicht, ob es funktioniert. Zu fünft stehen sie um den Wagen – ausgerüstet mit einsatzbereiten Feuerlöschern... Fred dreht mit einem kurzen Zögern den Zündschlüssel, der Motor reagiert und... läuft. Die Erleichterung steht allen im Gesicht geschrieben. Und ich frage Fred, wovor er sich denn eigentlich in jenem Augenblick gefürchtet habe. „Die Elektronik machte mir am meisten Sorgen. Wenn etwas zu brennen angefangen hätte, wäre unter Umständen aller Aufwand umsonst gewesen. Und ein zweites Mal hätte ich das nicht auf mich genommen.“

Eine der ersten Testfahrten findet im Sommer 2006 auf einer Rennstrecke in Belgien statt - auf Einladung von Jörg Hoffmann, Firma Bilstein. Fred erinnert sich daran, wie es gestern gewesen wäre. „Die Porsche-Fahrer sind vorbeigekommen, haben sich offensichtlich gefragt, was denn diese schwarze VW-Bus-Kiste auf der Rennstrecke verloren hat. Mein Team und ich liessen uns jedoch nicht beeindrucken, führten erste gemächliche Fahrten ausserhalb der Trainingszeiten der regulären Rennfahrer durch, ehe das Tempo stetig auf über 200 km/h gesteigert wurde.“ Diese Testfahrten sind der Startschuss für öffentliche Einsätze. Einer der Teilnehmer filmte den Augenblick, als „der VW-Bus“ seinen Porsche überholt (vgl. YouTube „ FB1 Race-Taxi vs Porsche 911 GT3). Auf dem Hockenheim-Ring findet eines Tages ein Kräftemessen mit Porsche-Fahrern statt. Fred holte mit seinem Race-Taxi den anfänglichen Rückstand nach sechs Runden auf.

Fred Bernhard bietet inzwischen Passagierfahrten auf verschiedenen Rennstrecken an und fährt nach den üblichen Rennbahnregeln. Die Vorbereitung hierzu ist aufwändig. Die Bremsen werden vor jedem Einsatz bereits in der Schweiz überholt. Der Transport erfolgt per Hänger, da es für das Race-Taxi keine Zulassung im Strassenverkehr gibt. Vor Ort erfolgen nach jeder rund 15-minütigen Fahrt Checks, denn Sicherheit ist das Freds oberste Gebot. Im Sommer (1./2.08.2009) sind er und sein Team an der Bug-Show in Spa Francorchamps in Belgien und  zwei Wochen später am Osnabrücker Bergrennen (15./16.08.2009) live zu sehen. Die meisten, die dem Race-Taxi erstmals begegnen, werden wiederum sagen „Ein VW-Bus auf der Rennstrecke?!?“ und irgendwie verwirrt darüber nachdenken.

Sechs Jahre Arbeit, hohe Investitionen, Miete Rennstrecken gegen wenig Ertrag – meine ursprünglich geplante Abschlussfrage bleibt unausgesprochen. Denn während zweieinhalb Stunden lasse ich mir in der kleinen aber properen Garage etwas von Grund auf sachlich erklären, wovon ich keine Ahnung habe. Ich spüre, wie jedes einzelne Kapitel dieser Geschichte rund um das Race-Taxi Faszination auf mich auszuüben beginnt und Freds stille Begeisterung auf mich überschwappt. Wer mit diesem Enthusiasmus und soviel Professionalität ein dermassen aufwändiges Projekt unbeirrt zum Ziel führt, stellt diesem in erster Linie grosse Freude voran. Eine andere Erklärung kann es für mich nicht mehr geben. Und in Osnabrück dient der heurige Einsatz teilweise gar der Unterstützung einer sozialen Institution (zum jetzigen Zeitpunkt noch unbekannt).

Was denn die häufigste Reaktion der Leute auf und neben der Rennstrecke im Zusammenhang mit dem Race-Taxi ist, will ich abschliessend wissen. „Respekt“, kommt es einmal mehr prompt und überzeugt von Fred Bernhard. Mein Kommentar zu dieser Antwort ist ein zustimmendes Kopfnicken.

 

 Literal, Burgdorf/Schweiz